ESSO-Häuser: Vorne spielt die Musik, hinten geht der Kiez in Trümmer

Die Esso-Häuser, das rauhe und sperrige Herz von St. Pauli, werden zertrümmert – während nebenan die Eurovisionsparty vorbereitet wird.

Heute Tag X: 19 Uhr Protestkundgebung – St. Pauli wird laut

Die Bagger rücken an, schaffen Tatsachen. Über ein halbes Jahrhundert St. Pauli-Leben geht in Trümmer. “Fühlt sich an wie eine Beerdigung”, sagt Oxana Smakova, eine der vielen Bewohner_innen, die in den letzten Jahren leidenschaftlich für ihr Zuhause gekämpft haben.

 

 Intervention des Megafonchors am 7. Mai. Bild: Catch of the Day von Frank Egel

Der Kontrast könnte nicht schärfer ausfallen: Während an der Rückseite der Häuser der schmerzhafte Abriss eines prägenden Stücks vom alten St. Pauli beginnt, sind an der Vorderseite, zum Spielbudenplatz hin, bereits die Scheinwerfer für das nächste Partywochenende montiert: Mit Hafengeburtstag und Eurovision Song Contest rollt die erste Eventlawine des Jahres über den Stadtteil.

 

“Ein zynischer Zeitpunkt”, gibt Christoph Roggon von SOS-St. Pauli zu bedenken, “aber die Gute-Laune-Maschinerie der Großevents kann unseren Schmerz über diesen Verlust nicht weglächeln – und auch nicht unsere Wut.”

“Die Politik trägt hier Verantwortung: Die Privatisierung des Grundstücks in den 90er Jahren war ein Fehler, genauso wie die unterlassene Überprüfung der Bausubstanz durch den Bezirk Hamburg Mitte.” sagt Steffen Jörg von der Initiative ESSO-Häuser.

 

Bitter ist aus Sicht der Initiative, dass die Bayerische Hausbau sich in der Öffentlichkeit immer wieder als treu sorgender Hausbesitzer darzustellen weiß: “Alle Zugeständnisse an die Mieterinnen und Mieter mussten mit Druck und anwaltlicher Hilfe durchgesetzt werden.” sagt Nachbarin Jenny Maruhn. “Deshalb gibt’s auf dem Kiez auch kein Vertrauen in die Planungen der Bayerischen Hausbau.”

 

Der Konzern ist Teil der Schörghuber Gruppe, die demnächst in der Elbphilharmonie das Hotel “Westin” eröffnet. “Der Bau des Luxushotels kostet die Hamburger Steuerzahler bis jetzt 129 Millionen Euro.” kritisiert Christoph Schäfer. “Angesichts so hoher Subventionen für den Großkonzern und seine vermögenden Kunden, gibt es aus Sicht der Öffentlichkeit keinen Grund, bei der Neuplanung der ESSO-Häuser den wirtschaftlichen Interessen der Münchner entgegen zu kommen.”

 

Vor diesem Hintergrund wirken die Forderungen aus dem Stadtteil nach 100% Sozialwohnungen angemessen um der sozialen Spaltung der Stadt entgegen zu treten. Die Initiativen sind mit der Stadt bereits in Verhandlung über einen Planungsprozess von unten: “Wir brauchen endlich bedingungslose Rückkehrgarantien für alle Mieter_innen und Gewerbetreibenden, und eine hundertprozentig soziale, modellhafte, durch den Stadtteil entwickelte Nutzung”, fügt Steffen Jörg von der ESSO-Initiative hinzu, “und kein Architektur-UFO, das die soziale Spaltung der Stadt weiter vorantreibt”.

 

Die evakuierten Bewohner_innen treffen sich um 14 Uhr am Bauzaun für eine Kundgebung.

 

Für 19 Uhr rufen die Initiativen St. Pauli selber machen, SOS-St. Pauli und die Initiative ESSO-Häuser zu einer Lärmdemo auf: St. Pauli wird laut!

 

Quellen: Zur Elbphilharmonie gibt es eine herborragend aufgearbeitete Broschüre von Ingo Böttcher und Norbert Hackbusch unter dem Titel “Kostenexplosionsursachenforschung” – unter diesem link zum download.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.