Rudolf-Lodders Preis 2012: Intervention von SOS-St.Pauli und Esso-Häuser-Ini

Die Stimmung in der Akademie der Künste war an diesem warmen Frühsommerabend gedrückt: Jungarchitekten waren aus ganz Deutschland angereist um Preise und Anerkennung entgegen zu nehmen, für ihre Neubeplanungen der Esso Häuser am Spielbudenplatz. Doch die Hälfte der BesucherInnen war nicht gekommen, um Beifall zu Spenden: BewohnerInnen der Häuser und Kritiker der Gentrifizierung aus dem Recht auf Stadt Netzwerk. Bereits im Vorfeld war scharfe Kritik an der “Investorenfreundlichen Ausschreibung” laut geworden (“Scheiß auf den Kontext” hatte SOS-St.Pauli die Haltung der Architekten beschrieben). Die Veranstaltung geriet zur Nachhilfestunde in Sachen Urbanismus, bottom-up-Planung und Image-City-Politik. Eine Professorin verlieh den alternativen Preis (“goldener rettungsring”) an die Wunschproduktion der BewohnerInnen. Besucher kommentierten die Entwürfe mit Pinkfarbenen PostIts, die von der neuen Gruppe Anonymous Architects in Umlauf gebracht wurden. SOS-St.Pauli dokumentiert das AA-Flugblatt.:

Architects Anonymous (AA)

Wir bemühen uns hier um eine Decodierung der städtischen Wirklichkeit,
nicht der üblichen, sondern umgekehrt,
ausgehend vom Wohnraum
und nicht vom Monumentalen
Henri Lefèbvre, La révolution urbaine, 1970

Bonjour Tristesse,

denn die überkommt uns, bei der Betrachtung der Ergebnisse des Rudolf-Lodders Preises 2012.

Der etwas weitschweifige Titel des Wettbewerbs gab sich noch nachdenklich:

Auf der Reeperbahn – Stadtteilerneuerung im Herzen von St. Pauli. Wie können wir die Stadt weiterentwickeln ohne ihre Identität zu zerstören”.

Doch in der Ausschreibung selbst wurden die Studierenden dazu aufgefordert, bei ihren Plänen von einem Abriß der Häuser auszugehen.
Dieser investorenfreundlichen Aufforderung folgen die in der Akademie ausgestellten JungarchitektInnen ausnahmslos.

Die 1959 erbauten Esso-Häuser verkörperten einst die Zukunftsvision der Nachkriegsmoderne, die zunehmenden Wohlstand und Demokratie für alle versprach.

Inzwischen ist in dem Ensemble ein dichtes Gefüge aus höchst unterschiedlichen Nutzungen entstanden, vom ikonografischen Paul Hundertmark Westernstore bis zum holzfurnierten, mit Geheimfächern ausgestatteten Planet Pauli Pub und der gleichnamigen, eleganten Panoramadisco im 1 Stock. Vom Underground Tempel Molotow bis zum Autohotel Am Hafen, das als Bestandteil des Gesamtkomplexes aus Tankstelle, Waschanlage und Miettiefgarage zur fast schon ausgestorbenen Spezies automobiler Architekturutopien der sechziger Jahre gehört, und das in der Innenstadt.
Das Tolle an den Essohäusern: durch die Nutzer und Bewohner aller Altersstufen hat sich das Ensemble immer wieder erneuert, ein Architekturtypus, der andernorts die “Krise der Stadt” symbolisiert, hat sich aktualisiert, sich neu interpretiert und ist quicklebendig. So sehr, dass Manche in den Esso-Häusern die letzte Bastion des echten St. Pauli sehen.

All das spielt in den ausgestellten Entwürfen keine Rolle. Wird andernorts erprobt, wie das lokale Wissen Teil eines Planungsprozesses werden kann, herrscht hier eine Entwurfshaltung vor, die Architektur auf einen engen formalen Rahmen beschränkt. Und diese Haltung, die sich in den Kommentaren der Jury fortsetzt, ist keineswegs wertfrei: die “Option Abriss-Neubau-Nachverdichtung” ist die vom derzeitigen Investor, der Bayerischen Hausbau, als alternativlos dargestellte Variante, die durch die studentischen Entwürfe und die Entscheidung der Jury munitioniert wird.

Darüberhinaus geben die Entwürfe fast das gesamte Arsenal der Gentrifizierung wieder: von der Designervariante der Neomoderne im Siegerentwurf bis zur Gated Community im Mönchsgewand , von der Shopping Mall , über den Richard-Florida-Creative-Class Diskurs bis zum marketinggeschulten Urban-Branding : Gentrifizierung, von der kritischen Stadtsoziologie als einzig verbliebenes Stadtentwicklungsziel gebrandmarkt, ist an zahlreichen Architekturschulen längst verinnerlicht worden.

Erteilen Sie dieser Haltung, für die “Partizipation” ein Fremdwort ist, ein Nachhilfestunde:

Schreiben Sie ihre Meinung auf das Post-it – und kleben Sie das zu dem entsprechenden Entwurf:
tag the architect!

Architektur ist keine Ausrede, um auf kritisches Bewusstsein zu verzichten.

Architects Anonymous, Hamburg, 24. Mai 2012

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