Statement von S.O.S. St. Pauli zum geplanten Busines Improvement District (BID) Reeperbahn

Statement von S.O.S. St. Pauli zum geplanten BID Reeperbahn 

Wir sind hier nicht in Disneyland! 

Durch die Einrichtung eines Business Improvement Districts sollen die Reeperbahn  und Teile angrenzender Straßen den privaten Grundbesitzer_innen zur Gestaltung  und Verwertung überantwortet werden. Wir sagen: St. Pauli lässt sich nicht wie ein  Einkaufszentrum managen! Und aufgepasst: Es geht beim BID auch nicht einfach um  sauberere Gehwege und ein bisschen weniger Pipigeruch. Dass wir uns hier nicht falsch verstehen, niemand findet Pissegestank und Touristenkotze geil, aber die Lösung solcher  Probleme gehört in die öffentliche Hand und darf kein Argument für die Privatisierung  öffentlichen Raumes sein.  

Wenn im BID-Reeperbahn-Konzept von einer „Verbesserung der Aufenthaltsqualität  die Rede ist, dann fragen wir: Um wessen „Aufenthaltsqualität“ geht es hier? Aus Besuchern sollen Kunden gemacht werden“, ist im Antrag zu lesen. Es gibt aber Leute, die wollen keine Kunden sein. Und dann gibt es auch noch jene, die sich das Kunde-sein einfach gar nicht leisten können. Wir haben nicht vergessen, dass einige von denen, die jetzt den BID Reeperbahn vorantreiben, schon einmal Obdachlose mittels einer Sprinkleranlage vom Spielbudenplatz vertrieben haben. Und wir können uns auch gut daran erinnern, wie das Ordnungsamt Mitte zu Bütteln des BID Neuer Wall wurde und südosteuropäischen Bettlern während der WM 2006 das Wegerecht entzog.  

Und was ist mit den Leuten, die auf St. Pauli wohnen? Viele von denen können sich die Mieten in ihrem Stadtteil schon jetzt nicht mehr leisten. Die BID-Aufwertungspläne werden die Mietpreisspirale noch weiter nach oben treiben. Wie das gehen soll, steht auch schon im Konzept – wie aus einem Florida‘schen Handbuch für Gentrifidingsbums abgeschrieben: „Attraktivitätssteigerung und verbesserte Vermietungsaussichten“ sollen mittels „Vermittlung und Unterstützung für temporäre Belegung bei Leerstand (…) durch sog. Pop up Stores/Clubs/Galerien“ erfolgen. Das „erzeugt hohe Anziehungskraft für die kreative Szene und jeden, der sich dazu zählt.“  

Achso. Kennen wir schon. Mit ein bisschen subkultureller Zwischennutzung dürfen die „Kreativendafür sorgen, dass sie kurze Zeit später selber die Mieten in der Nachbarschaft nicht mehr bezahlen können. Wem die Interessen der Gewerbetreibenden auf St. Pauli wirklich am Herzen liegen, der oder die könnte doch mal was wirklich Sinnvolles tun. Und sich zum Beispiel mit den gewerblichen Mieter_innen der Esso-Häuser solidarisieren, die im September ihre Kündigung erhalten haben, ohne das einst versprochene Rückkehrrecht und ohne die angekündigten Ausweichmöglichkeiten und Übergangslösungen.  

St. Pauli, das ist verdichtete Unterschiedlichkeit. Der BID hingegen will sich nur einige Bestandteile dieser Vielfalt herauspicken und als „St. Pauli typisches Flair“ in einem Marketingkonzept verwursten, um mit noch mehr zahlungsfreudigen Touristen noch mehr Kohle aus dem Stadtteil rauszupressen. Wir haben große Sorge, was mit den Ecken, Läden und Leuten passiert, die nicht ins Bild der BID-Konsum-Retortenwelt passen.  

St. Pauli braucht auch kein „Quartiersmanagement“ durch Leute, für die das größte Problem von St. Pauli darin besteht, dass die Kaufkraft der Menschen, die sich im Stadtteil aufhalten, noch nicht maximal ausgequetscht ist. 

Bis zum 9. Oktober liegt der Antrag auf Genehmigung der BID-Pläne im Bezirksamt Hamburg-Mitte aus. Die Bewohner_innen des Stadtteils können ihn dort lediglich einsehen – Einspruch erheben dürfen nur die Grundeigentümer_innen im BID. Wir bestehen darauf, dass auch die Bewohner_innen des Gebiets mitentscheiden! Und nicht mit einer einzigen Infoveranstaltung, die schon fast zwei Jahre zurück liegt, abgespeist werden. 

Und was die sexistischen roten Riesentussis angeht, die als Symbol für die Ware Frau zum Maskottchen des Post-Schmuddel-St.-Pauli-Disneylands werden sollen: Wir können gar nicht so viele Gosch-Fischbrötchen essen, wie wir kotzen wollen!  

LOVE ST. PAULI!  

FUCK BID! 

 

S.O.S. St. Pauli am 7. Oktober 2013 

 info@sos-stpauli.de 

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