Kein Abriss ohne Garantien* | Kundgebung Esso-Häuser 15.02, 15 Uhr

Das St. Pauli Rat-Pack zeigt wie’s geht: Die Hirschhornisierung des Bauzauns hat begonnen.

So ein Scheiß! Mit der Esso-Tanke ist am Mittwoch ein weiterer Kiez-Ort verschwunden. Weg, für immer: kein nächtliches Eis oder Franzbrötchen, keine überteuerte H-Milch, keine tiefergelegten Schlitten beim waschen & betanken mehr. Wer aus Hamburg und Umgebung hat sich nicht in seiner Jugend an “der Tanke” mit Biervorräten für den taschengeldbeutelschonenden Reeperbahnbummel eingedeckt?

Als wäre das nicht genug, gibt’s von der Bayerischen Hausbau, von Behörden und Bezirk bis jetzt noch keine:

* vertragsbewehrten Garantien für Läden und Bewohner der Esso-Häuser, zu den bisherigen (oder besseren) Kondition zurückkehren zu können. Und der hastige Abriss begünstigt die Eigentümer weiter gegenüber den geschädigten Mieter_innen.

Darüberhinaus fordert die Stadtteilversammlung St. Pauli in ihrer Ballsaal Resolution 100% Sozialwohnungen, eine öffentlich-genossenschaftliche Lösung sowie eine verbindliche und durchsetzungsfähige Beteiligung des Stadtteils an der Planung.

Die SPD hat die letzte Wahl in Hamburg nicht zuletzt mit dem Versprechen gewonnen, Wohnungsnot, Mietenexplosion und Verdrängung in den Griff zu bekommen. Und Bezirksamtsleiter Andy Grote galt für Manche sogar als Hoffnungsträger, der einen gewissen Sinn für St. Pauli und seine abweichenden Lebensentwürfe und erfinderischen Subkulturen haben könnte.

Beide Hoffnungen werden derzeit bitter enttäuscht: Der Bezirksamtsleiter klingt wie ein Pressesprecher der Bayerischen Hausbau, stellt sich nach der Räumung nicht an die Seite der evakuierten Mieter_innen, sondern tritt mit jenem Immobilienmanager vor die Kameras, der von Kauf an auf Abriss spekuliert hat. Ein Verhalten, das exemplarisch ist für den Rechtsruck der Partei, die demokratische Einflussmöglichkeiten begrenzt, um es Investoren so einfach wie möglich zu machen, Ihre Interessen durchzusetzen.

 

“Investor” ist allerdings ein viel zu positiver Begriff, für das, was gerade vorgeht: Auf der Suche nach sicheren Anlagemöglichkeiten hat sich das Kapital in der letzten Krise auf Hamburgs Immobilienmarkt geflüchtet – und die Preise weiter nach oben getrieben. Im künstlich verknappten Hamburger Wohnungsmarkt ist zu viel – nicht zu wenig Geld. Ein Ende der Preisspirale ist nicht abzusehen. Das Ergebnis: soziale Spaltung der Stadt, gesichtslose Investorenarchitektur, und Mietpreise, die Kreativität unmöglich machen.

Kreativität ist das Stichwort: Die erwarten wir jetzt vom Bezirk Hamburg Mitte. Eine bürokratische Kreativität, die zeigt, dass man sich von Investoren nicht erpressen lässt. So etwas können unsere Beamten doch eigentlich gut: auf die Bremse treten, Anträge der Investoren ganz unten in der Schublade liegen lassen, Formfehler finden. Mal Kaffee trinken. Mit den Kollegen klönen. Auflagen im Sinne des öffentlichen Interesses erlassen. Den Investoren zeigen, dass sie mit St. Pauli nicht machen können was sie wollen.

Und wir erwarten, dass die Kreativität der Stadtbewohner eine Chance erhält, dass das lokale Wissen in den Planungsprozess einfliessen kann. Wir brauchen allerspätestens jetzt eine Wende hin zu demokratischer Planungskultur, ein deutliches Zeichen und Raum im Zentrum für Leute mit niedrigem Einkommen, eine Entwicklung hin zu einer offenen, einer sozialen, einer anderen Stadt.

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