Denkmal – Abriss, Aufbau: Offener Brief an Bezirksamtsleiter Andy Grote

Offener Brief an:

Andy Grote Bezirksamtsleiter Hamburg Mitte,

Klosterwall 8 , Block D

20095 Hamburg

 

nachrichtlich:

Amt für Denkmalpflege

 

Betr:  Vorschlag zum Umgang mit dem illegal abgerissenen Gründerzeitdenkmal Bernhard-Nocht-Straße 85/87

 

Hamburg, den 31. Mai 2012

 

Sehr geehrter Andy Grote,

 

in der Diskussion um den (Wieder-)aufbau des abgerissenen Denkmals kursieren in der Presse bisher Lösungen, die der Situation nicht gerecht werden.

Von Seiten der Investoren ist zwar zu lesen, dass beabsichtigt sei, die verabredete Mietbegrenzung auch für einen Neubau einzuhalten. Doch den Vorschlag, das Denkmal „wieder aufzubauen“ und die historische Fassade zu „rekonstruieren“ halten wir für problematisch:

Der Verlust des historischen Gebäudes sollte nicht verschleiert werden, und eine disneyfizierte, eins-zu-eins Rekonstruktion der Fassade finden wir unangemessen.

Aus Sicht des Stadtteils sehen wir folgende Prioritäten:

Die von Köhler und von Bargen in der Presse verlautete Ankündigung einer Mietbegrenzung und die Rückkehroption für das Sailor’s Inn und die Altmieter (wenn diese das wünschen) sollte vertraglich fixiert werden.

Darüberhinaus sollten niedrige Mieten hier auf Dauer gesichert werden, zum Beispiel, indem das Grundstück zu einem günstigen Preis in genossenschaftliche Hände aus dem Stadtteil übergeben wird, um dort ein soziales Wohnprojekt zu entwickeln.

 

Der bisheriger Umgang mit historischer Bausubstanz und die architektonische Qualität der sogenannten „Bernhard-Nocht-Terrassen“ machen uns Sorgen – und begründen Zweifel an der ästhetischen Kompetenz der Investoren für die Planung des Neubaus auf dem Grundstück des nicht mehr zu ersetzenden Denkmals.

Um die Qualität des neuen Entwurfs zu sichern, schlagen wir vor, dass eine unabhängige Jury eingesetzt wird, um das Konzept und die Fassade des Neubaus zu bewerten und eine Realisierungs-Empfehlung zu geben.

Denn hier wird ein Entwurf gebraucht, der auf dialektische Weise scheinbar widersprüchliche Anforderungen verbindet und akzentuiert:

Sowohl die Geschichte des Gebäudes als auch die durch den Abriss hinterlassene Lücke sollten in dem Entwurf thematisiert werden, statt den Verlust durch eine oberflächliche Wiederherstellung wegzufälschen und den Konflikt unsichtbar zu machen.

Gleichzeitig soll auf günstige Weise Raum entstehen, der soziale Ansprüche an Stadtentwicklung mit neuen, selbstorganisierten Wohnformen verbindet.

Die Jury sollte sich aus Anwohner_innen, mit dem Stadtteil verbundenen Künstler_innen/Architekt_innen, Vertreter_innen des Denkmalschutzamtes, zukünftigen Hausbewohner_innen und Vertreter_innen einer sozialen Einrichtung wie der GWA zusammensetzen.

So besteht die Chance, durch ein transparentes Planungsverfahren einen modellhaften Entwurf zu realisieren, in den das Wissen aus dem Stadtteil einfließt, der denkmalpflegerischen Kriterien gerecht wird, an dem die Geschichte des Gebäudes ablesbar ist, der eine Antwort auf die Gentrifizierungsproblematik entwickelt und die Interessen der neuen Nachbar_innen berücksichtigt.

Wir möchten, dass Sie dieses Verfahren unterstützen und darauf hinwirken, dass es von den zuständigen Behörden und Bezirksgremien mitgetragen wird.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

S.O.S.-St. Pauli

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