Chronologie: Einsturz und illegaler (?) Abriss eines denkmalgeschützen Hauses

Am Freitagmorgen (17.2.2012) brach die Giebelwand des denkmalgeschützten Gebäudes Bernhard-Nocht-Straße 85-87 zusammen. Offenbar weil die Investoren ihre Bauwerkssicherungspflicht vernachlässigt hatten. Später brachen sie allem Anschein nach illegal den Rest des Gebäudes ab.

Wir veröffentlichen hier eine detaillierte Chronologie der Ereignisse.

Das denkmalgeschützte Haus, 1885 umgebaut, im Kern noch älter, war bis vor drei Monaten bewohnt, die Kneipe “Sailor’s Inn” befand sich im Erdgeschoss. Die Bewohner und die Kneipe sind von Köhler & von Bargen Immobilien (KvB) für die Zeit der Sanierung umgesetzt worden und hatten die Zusage, nach der Sanierung in ihre Wohnungen und Räume zurückkehren zu können.

 

1. Vernachlässigung der Bausicherungspflicht

Im Vorfeld:

In den Wochen vor dem Abriss wird der bis dahin unverhängte Bauzaun mit einer Sichtschutzplane verhängt. Ausschachtungsarbeiten und Rammarbeiten erschüttern die Nachbarschaft. Schäden und Risse in der Nachbarschaft. Nachbarn bemerken Absackungen im Gehwegbereich.

Der Bauleiter der Baustelle hatte Verformungen am Bestand des Hauses festgestellt, angeblich (laut Aussagen einer Nachbarin) in der Kneipe Sailors Inn von Absenkung des Gebäudes um 10 bis 20 cm gesprochen.

 

17.02.2012:

zwischen 8 und 9 Uhr (etwa 8:45), kracht die komplette Außenwand des denkmalgeschützten Hauses Bernhard Nocht Strasse 85 / 87 zusammen. Fassade und Teile des Bodens rutschen in die frisch daneben ausgehobene Baugrube.

Vormittags untersuchen Bauprüfer des Bezirks Mitte und Beamte des Denkmalschutzamtes den entstanden Schaden.

Das Haus soll wieder aufgebaut werden. Die Investoren bekommen Erlaubnis, einige Stücke (!) des Hauses abzubrechen, um den totalen Kollaps des Hauses abzuwenden. Der Abriss ist maximal bis zum Treppenhaus genehmigt.

Pressemitteilung KvB von 15:58: »Die Feuerwehr hat das Gebiet weiträumig abgesperrt. Die Bauprüfabteilung des Bezirks Mitte untersucht die Einsturzursache und das Gebäude. (…) Das Haus mit sieben Mietwohnungen wurde ordnungsgemäß gesichert, das Bauvorhaben von Statikern freigegeben. Die Einsturzursache ist noch ungeklärt. „Wenn wir nach der Prüfung wissen, wie es um das Gebäude steht, können wir entscheiden, wie wir mit der Sanierung fortfahren“, sagt Köhler.«

 

2. Illegaler Abriss:

Nach Anbruch der Dunkelheit beginnen hastige Abbrucharbeiten. Die Arbeiter erzählen Nachbarn (bereits Mittags), sie hätten den Auftrag, bis 23 Uhr das gesamte denkmalgeschützte Haus abzureißen.

19:01 Uhr: Neue Pressemitteilung von KvB: »Nach der technischen Prüfung durch den Statiker, den Prüfingenieur und die staatliche Prüfstelle sind diese am späten Nachmittag zu dem Ergebnis gekommen, dass das Gebäude Bernhardt-Nocht-Straße 85/87 akut einsturzgefährdet ist und eine unmittelbare Gefahr für Nachbarn, Passanten, Straße und Wege darstellt. Eine Sicherung des Gebäudes ist nicht möglich, da hierfür Handwerker das Haus betreten müssten. Aufgrund der Einsturzgefahr wurde dieses untersagt. Deshalb ist ein sofortiger Abriss des Gebäudes notwendig, um mögliche Risiken auszuschließen.«

Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • Gab es eine Abrissgenehmigung?
  • Wer gab die Abrissgenehmigung?
  •  Warum wurde die Denkmalpflege nicht an der Entscheidung beteiligt oder informiert?

Um 18 Uhr versammeln sich zahlreiche empörte Nachbarn an der Baustelle. Allgemein herrscht Verblüffung darüber, in welch rasanter Geschwindigkeit der “Unfall” eine Abrissgenehmigung produziert hat.

Die PolizistInnen von der Davidwache sind anwesend – unter anderem Frau Pfeiffer.

Um ca. 19:15 informiert ein Nachbar die Denkmalpflege über die nächtlichen Vorgänge auf der Baustelle. Dort ist man völlig überrumpelt von den Abrissarbeiten, denn tagsüber war vereinbart worden, dass das historische Treppenhaus in der Mitte des Gebäudes unbedingt zu erhalten ist.

Davon kann jedoch keine Rede sein: Ohne Rücksicht auf Verluste – und unter Anwesenheit und Aufsicht einer Bauprüferin des Bezirks Hamburg-Mitte – frisst sich der Bagger ins Haus hinein, reißt das Dach ab, bricht die historische Fassade ein, beseitigt das historische Treppenhaus komplett. Doch erst mit Eintreffen einer Verteterin des Denkmalschutzamtes wird dem groben Treiben ein vorläufiges Ende gesetzt.

Während sich Bauleiter, Architekt, Statiker, Bauprüferin des Bezirks Mitte, Notstatiker und Denkmalpflegerin zur Beratung zurückziehen, wird die Menge der Protestierenden an der Baustelle immer größer. Eine spontane Kundgebung wird angemeldet, Nachbarn veranstalten ein Konzert mit Kochtöpfen.

Kurz nach 22 Uhr ist klar: heute Nacht dürfen die Abrissarbeiten nicht weitergeführt werden.

In jovialer Geste kommt der Architekt des Bauherren auf Nachbarn zu, stellt sich als Opfer dar, denn das alles sei keine Absicht gewesen, der Statiker habe grünes Licht für die Arbeiten am Haus gegeben und dessen Standfestigkeit bestätigt.

Weiterhin ist unklar, wer eine Abrißgenehmigung gegeben haben soll. Die Bauprüferin des Bezirks Mitte ist zum Thema Abrissgenehmigung nicht anzusprechen – hat sie die erteilt oder nicht?

 

18.02.2012:

Am Samstag um Zehn Uhr morgens wird die Situation überprüft und weiter verhandelt, ob der Abriss weiter gehen darf.

Die Bauprüferin des Bezirks Mitte entschied, dem Abriss zuzustimmen, die Denkmalschutzbehörde stimmt nun zu, da “wesentliche Bestandteile des Denkmals zerstört” sein (durch die nächtliche, wahrscheinlich illegale, Abrissaktion).

Gleichzeitig werden die Bauherren KvB verpflichtet, bei einem Neubau die Fassade genau so wieder herzustellen. Zu diesem Zweck müssen Friese und ander Zierbestandteile der historischen Fassade unzerstört aufbewahrt werden.

Bis etwa 13 Uhr ist das komplette Haus dem Erdboden gleich gemacht. Die weiträumige Absperrung bleibt.

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